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* [1959-000] [Spanisch] Rezension zu: Guardini, Christliches Bewußtsein, span., in: [[Augustinus (Zeitschrift)|Augustinus]], Madrid, 4, 1959, S. 559 [Mercker 2896] - [Rezension] - [noch nicht online] | |||
* [1959-000] [Italienisch] [[W. Cariddi]]: Rezension zu: Guardini, Christliches Bewußtsein, ital., in: [[Humanitas. Rivista mensile di cultura]], Brescia, 14, 1959, S. 71-73 [Mercker 2891] und [Zucal, 1988, 489] - [Rezension] - [noch nicht online] | |||
* [1959-000] [Portugiesisch] Rezension zu: Guardini, Christliches Bewußtsein, ital., in: [[Kriterion]], Belo Horizonte, 12, 1959, S. 528 [Mercker 2892] - [Rezension] - [noch nicht online] | |||
* [1959-000] [[Jean Steinmann]]: Pascal, 1959, S. 377 [neu aufgenommen] – [Monographie] - https://books.google.de/books?id=Yv_72AW18aQC; zu Romano Guardini: | |||
** S. 377 f. „Das schöne Buch von R. Guardini, »Christliches Bewußtsein - Versuche über Pascal, das 1935 deutsch und 1951 unter dem Titel Pascal ou le drame de la conscience chrétienne in französischer Übersetzung erschien, ist natürlich ganz anders. Pascal wird hier von einem Philosophen gesehen, der die Pensées durch die Werke Kierkegaards und Dostojewskis hindurch betrachtet. Guardini vermag als Deutscher und Mann des 20. Jahrhunderts Pascal gegenüber Abstand zu nehmen. Er bewundert ihn. Seine philosophische Analyse des Mémorial, seine Studie über die Wette, die er zwischen das ontologische Argument des hl. Anselm und das Paradox Kierkegaards setzt, stellen Pascal auf den Gipfel des religiösen Denkens aller Zeiten. Sicherlich aber unterschätzt Guardini die Provinciales; er ist für den Humor Pascals unempfänglich und leugnet ihn sogar überhaupt. Er zeichnet ein übertrieben romantisches Bildnis Pascals.“Der Geist“, schreibt er, „kann viele Qualitäten haben; er kann auch furchtbar sein. In Pascals Geist ist etwas Furchtbares. Eine dunkle Tiefe grollt darunter. Eine verzehrende Glut ist darin. Eine wilde Kraft des Griffes hat dieser Geist. Wenn man sich lange mit ihm beschäftigt, wird einem plötzlich klar, was ihm fehlt. Er hat kein Verhältnis zur lebendigen Natur. Nicht ein Wort, welches verriete, daß er das Webende, Strömende, Wachsende in ihr empfindet; oder die Landschaft; oder Baum und Blume. Er hat aber auch kein ursprüngliches Verhältnis zur Kunst. Architektur, Malerei, Plastik bedeuten ihm nichts; am fremdesten ist ihm offenbar die Musik. Daseinsraum und Element sind ihm weder die lebendige Natur noch die Kunst. Was er sieht, ist die Natur als Gegenstand geistiger Bemächtigung und der Mensch mit seinem Werk. ,Geist' also in einem besonders strengen Sinn des Wortes. Und noch eines fehlt Pascal: der Humor. Ich kenne keine Stelle, die auch nur einen Hauch davon verriete. Ironie, geschliffene, beißende Satire, gewiß; in den Provinciales funkelt ihre Schärfe, saust ihr Hieb. Aber kein Humor. In seiner ganzen Familie scheint keiner diese menschliche, metaphysische, religiöse Grundkraft zu besitzen, welche fähig macht, das schlimme Dasein mit fühlendem Herzen zu erfahren, ohne innerlich Schaden zu nehmen. Dem ganzen Jansenismus scheint sie zu fehlen. Er ist ernst, unentwegt ernst - aber bedeutet es nicht ein sehr bedenkliches Urteil über diese Art christlichen »Ernstes«, wenn gesagt werden muß, daß ihm der Humor fehlt? Die Güte, die Freiheit, das verstehende Annehmen dessen, was ist? Die Natur, die Musik, der Humor wahrlich, Pascal hat alles gefehlt, was in einem besonderen Sinne den Geist, menschlich macht: Das Lösende, Mild-Verwandelnde, das was hilft. Daher der furchtbare Druck; das Heißlaufen des Geistes; die Zerstörungsdrohung. Dazu dieser kranke Körper mit seinen überreizten Nerven und die barbarischen Heilmethoden der Zeit! Erst wenn man sich das alles nahekommen läßt, sieht man, wie gefährdet Pascal war. Wie sehr hätte er einer gütigen, lösenden Menschennähe bedurft. Einer ruhig und frei gewordenen Seelentiefe, die ihn in Hut genommen, einer Liebe, die ihn besänftigt hätte. In seiner Nähe aber war nichts dergleichen. Die Menschen um ihn machen einen seltsamen Eindruck. Sie sind ernst, charakterstark, sittenstreng, asketisch - alles; nur eines scheint ihnen zu fehlen: die erleuchtete, warme Kraft des Herzens, welche versteht und hilft. Sie suchen die ,Ehre Gottes', die Bestätigung der jansenistischen Sache man möchte sie fragen, ob sie denn nicht sehen und fühlen können? Aber so ist es geblieben, bis zuletzt, da in der jansenistischen Sache man möchte sie fragen, ob sie denn nicht sehen und fühlen können? Aber so ist es geblieben, bis zuletzt, da in dieser mitleidlosen Luft das Dämonische dieses ,Geistes ohne Musik' sich zum Paroxysmus steigerte, und ihm kein Weg mehr frei blieb als der in die Einsamkeit des vollkommenen Schweigens!“ [57) R. Guardini, Pascal ou le drame de la conscience chrétienne, franz. Übersetzung, Paris 1951, S. 223-224. R. Guardini, Christliches Bewußtsein, Versuche über Pascal, Leipzig 1935, S. 285-287.] So käme man am Ende der philosophischen Beurteilung Pascals zum Anfang zurück, zu einem Bild seines Schicksals, das dem von Victor Cousin gezeichneten ziemlich nahe kommt. Die Einsamkeit des vollkommenen Schweigens begegnet dem einsamen Felsen, auf dem L. Brunschvicg zu Beginn des Jahrhunderts den letzten Propheten Israels aussetzte. Eine falsche, allzu romantische Auffassung! Die Pensees sind kein intimes Tagebuch. Pascal hat keine Veranlassung, darin über seine Ausflüge zu Pferde, seine Ballspiele, seine Salongespräche, seine Tänze, seinen Humor, seine Späße zu erzählen. In Port-Royal wurde, wie Fontaine berichtet, den ganzen Tag gesungen. Nur wer nie einen Blick in die Briefe der Mutter Agnes getan hat, vermag zu behaupten, daß es in Port-Royal an Humor gefehlt habe. Pascal soll ein Geist ohne Musik gewesen sein! Er muß sich übrigens aufs Orgelspielen verstanden haben; er spricht davon wie von den Trauben und den Landschaften. Aber sind denn die Philosophen überhaupt fähig, die kontrastreichen Züge einer so verwirrenden Gestalt zu beurteilen? Sie schließen ihn in ein System ein.“ |
Aktuelle Version vom 29. November 2024, 18:40 Uhr
- [1959-000] [Spanisch] Rezension zu: Guardini, Christliches Bewußtsein, span., in: Augustinus, Madrid, 4, 1959, S. 559 [Mercker 2896] - [Rezension] - [noch nicht online]
- [1959-000] [Italienisch] W. Cariddi: Rezension zu: Guardini, Christliches Bewußtsein, ital., in: Humanitas. Rivista mensile di cultura, Brescia, 14, 1959, S. 71-73 [Mercker 2891] und [Zucal, 1988, 489] - [Rezension] - [noch nicht online]
- [1959-000] [Portugiesisch] Rezension zu: Guardini, Christliches Bewußtsein, ital., in: Kriterion, Belo Horizonte, 12, 1959, S. 528 [Mercker 2892] - [Rezension] - [noch nicht online]
- [1959-000] Jean Steinmann: Pascal, 1959, S. 377 [neu aufgenommen] – [Monographie] - https://books.google.de/books?id=Yv_72AW18aQC; zu Romano Guardini:
- S. 377 f. „Das schöne Buch von R. Guardini, »Christliches Bewußtsein - Versuche über Pascal, das 1935 deutsch und 1951 unter dem Titel Pascal ou le drame de la conscience chrétienne in französischer Übersetzung erschien, ist natürlich ganz anders. Pascal wird hier von einem Philosophen gesehen, der die Pensées durch die Werke Kierkegaards und Dostojewskis hindurch betrachtet. Guardini vermag als Deutscher und Mann des 20. Jahrhunderts Pascal gegenüber Abstand zu nehmen. Er bewundert ihn. Seine philosophische Analyse des Mémorial, seine Studie über die Wette, die er zwischen das ontologische Argument des hl. Anselm und das Paradox Kierkegaards setzt, stellen Pascal auf den Gipfel des religiösen Denkens aller Zeiten. Sicherlich aber unterschätzt Guardini die Provinciales; er ist für den Humor Pascals unempfänglich und leugnet ihn sogar überhaupt. Er zeichnet ein übertrieben romantisches Bildnis Pascals.“Der Geist“, schreibt er, „kann viele Qualitäten haben; er kann auch furchtbar sein. In Pascals Geist ist etwas Furchtbares. Eine dunkle Tiefe grollt darunter. Eine verzehrende Glut ist darin. Eine wilde Kraft des Griffes hat dieser Geist. Wenn man sich lange mit ihm beschäftigt, wird einem plötzlich klar, was ihm fehlt. Er hat kein Verhältnis zur lebendigen Natur. Nicht ein Wort, welches verriete, daß er das Webende, Strömende, Wachsende in ihr empfindet; oder die Landschaft; oder Baum und Blume. Er hat aber auch kein ursprüngliches Verhältnis zur Kunst. Architektur, Malerei, Plastik bedeuten ihm nichts; am fremdesten ist ihm offenbar die Musik. Daseinsraum und Element sind ihm weder die lebendige Natur noch die Kunst. Was er sieht, ist die Natur als Gegenstand geistiger Bemächtigung und der Mensch mit seinem Werk. ,Geist' also in einem besonders strengen Sinn des Wortes. Und noch eines fehlt Pascal: der Humor. Ich kenne keine Stelle, die auch nur einen Hauch davon verriete. Ironie, geschliffene, beißende Satire, gewiß; in den Provinciales funkelt ihre Schärfe, saust ihr Hieb. Aber kein Humor. In seiner ganzen Familie scheint keiner diese menschliche, metaphysische, religiöse Grundkraft zu besitzen, welche fähig macht, das schlimme Dasein mit fühlendem Herzen zu erfahren, ohne innerlich Schaden zu nehmen. Dem ganzen Jansenismus scheint sie zu fehlen. Er ist ernst, unentwegt ernst - aber bedeutet es nicht ein sehr bedenkliches Urteil über diese Art christlichen »Ernstes«, wenn gesagt werden muß, daß ihm der Humor fehlt? Die Güte, die Freiheit, das verstehende Annehmen dessen, was ist? Die Natur, die Musik, der Humor wahrlich, Pascal hat alles gefehlt, was in einem besonderen Sinne den Geist, menschlich macht: Das Lösende, Mild-Verwandelnde, das was hilft. Daher der furchtbare Druck; das Heißlaufen des Geistes; die Zerstörungsdrohung. Dazu dieser kranke Körper mit seinen überreizten Nerven und die barbarischen Heilmethoden der Zeit! Erst wenn man sich das alles nahekommen läßt, sieht man, wie gefährdet Pascal war. Wie sehr hätte er einer gütigen, lösenden Menschennähe bedurft. Einer ruhig und frei gewordenen Seelentiefe, die ihn in Hut genommen, einer Liebe, die ihn besänftigt hätte. In seiner Nähe aber war nichts dergleichen. Die Menschen um ihn machen einen seltsamen Eindruck. Sie sind ernst, charakterstark, sittenstreng, asketisch - alles; nur eines scheint ihnen zu fehlen: die erleuchtete, warme Kraft des Herzens, welche versteht und hilft. Sie suchen die ,Ehre Gottes', die Bestätigung der jansenistischen Sache man möchte sie fragen, ob sie denn nicht sehen und fühlen können? Aber so ist es geblieben, bis zuletzt, da in der jansenistischen Sache man möchte sie fragen, ob sie denn nicht sehen und fühlen können? Aber so ist es geblieben, bis zuletzt, da in dieser mitleidlosen Luft das Dämonische dieses ,Geistes ohne Musik' sich zum Paroxysmus steigerte, und ihm kein Weg mehr frei blieb als der in die Einsamkeit des vollkommenen Schweigens!“ [57) R. Guardini, Pascal ou le drame de la conscience chrétienne, franz. Übersetzung, Paris 1951, S. 223-224. R. Guardini, Christliches Bewußtsein, Versuche über Pascal, Leipzig 1935, S. 285-287.] So käme man am Ende der philosophischen Beurteilung Pascals zum Anfang zurück, zu einem Bild seines Schicksals, das dem von Victor Cousin gezeichneten ziemlich nahe kommt. Die Einsamkeit des vollkommenen Schweigens begegnet dem einsamen Felsen, auf dem L. Brunschvicg zu Beginn des Jahrhunderts den letzten Propheten Israels aussetzte. Eine falsche, allzu romantische Auffassung! Die Pensees sind kein intimes Tagebuch. Pascal hat keine Veranlassung, darin über seine Ausflüge zu Pferde, seine Ballspiele, seine Salongespräche, seine Tänze, seinen Humor, seine Späße zu erzählen. In Port-Royal wurde, wie Fontaine berichtet, den ganzen Tag gesungen. Nur wer nie einen Blick in die Briefe der Mutter Agnes getan hat, vermag zu behaupten, daß es in Port-Royal an Humor gefehlt habe. Pascal soll ein Geist ohne Musik gewesen sein! Er muß sich übrigens aufs Orgelspielen verstanden haben; er spricht davon wie von den Trauben und den Landschaften. Aber sind denn die Philosophen überhaupt fähig, die kontrastreichen Züge einer so verwirrenden Gestalt zu beurteilen? Sie schließen ihn in ein System ein.“